Motorrad Schutzkleidung und EN 17092 Schutzklassen

Schutzklassen für Motorradklamotten

Motorradschutzkleidung ist weit mehr als ein CE-Label und eine Buchstabenkombination. Hinter Schutzklassen wie AAA, AA oder A stecken klar definierte Prüfverfahren, Schutzzonen und Mindestanforderungen – aber auch Graubereiche, die man kennen sollte.

Besonders die Einteilung der Schutzzonen nach EN 17092 zeigt, wo Materialien wirklich schützen müssen und wo Komfort im Vordergrund steht. Für Motorradfahrerinnen ist es entscheidend zu verstehen, was diese Zonen bedeuten, wie sie geprüft werden und wo zusätzlicher Schutz – etwa durch Protektoren – unverzichtbar ist. Dieser Überblick erklärt die Norm praxisnah und ohne Marketing-Filter.

Hier lest ihr, was die EN-17092-Reihe (2020) für Motorrad-Schutzbekleidung (Jacken/Hosen/Anzüge) in den Teilen EN 17092-2 (AAA) bis EN 17092-4 (A) im Kern festlegt: wie geprüft wird und welche Mindest-Leistungswerte erreicht werden müssen, um die jeweilige Schutzklasse zu bekommen.

Was ist in den Schutzklassen nach EN 17092 definiert?

EN 17092 ist die harmonisierte EU-Norm zur CE-Zertifizierung von Motorradbekleidung als PSA*. Sie teilt Bekleidung in Schutzklassen ein (für dich relevant: AAA, AA, A) und bewertet die Leistung zonenbasiert:

  • Zone 1: hohes Risiko (starker Abrieb, hohe Belastung)
  • Zone 2: mittleres Risiko
  • Zone 3: geringes Risiko

Die Klassen unterscheiden sich vor allem durch höhere Mindestanforderungen in diesen Zonen (AAA am strengsten, A am niedrigsten).

*PSA: Persönliche SchutzAusrüstung

Welche Faktoren werden gemessen?

Die „Headline“-Messgrößen (für AAA/AA/A entscheidend) sind:

  1. Impact-Abriebfestigkeit (Darmstadt-Methode), ob das Material beim simulierten Sturz/Rutschen „durchscheuert“.
  2. Reißfestigkeit (Tear strength), Kraft, die nötig ist, um einen vorgeschädigten Probekörper weiter einzureißen.
  3. Nahtfestigkeit (Seam strength), wie viel Kraft pro Nahtbreite die Nähte aushalten, bevor sie aufgehen.

Zusätzlich (nicht immer als einfache „Minima-Tabelle“ kommuniziert, aber Teil der Konformität) kommen u. a. dazu: Protektoren-Vorhandensein & Positionierung (Protektoren selbst nach EN 1621-x), Ergonomie/Fit, Unbedenklichkeit, Maßänderung nach Reinigung usw.

Wie wird gemessen & getestet?

Impact-Abrieb (Darmstadt**)

  • Simulation des realen Sturz-/Rutschvorgangs: rotierende Bewegung + Aufsetzen auf eine definierte abrasive Oberfläche.
  • Bestanden, wenn der Durchbruch/Schaden nach dem Test unterhalb eines Grenzmaßes bleibt (typisch: „kein Loch > 5 mm Ø“ als Pass/Fail-Kriterium in der Prüfbeschreibung).
  • Prüfung mit unterschiedlichen Orientierungen (bei Textil z. B. zu Kette/Schuss; bei Leder Winkel-/Richtungsvarianten).

**Darmstadt, oder Darmstadtmaschine heißt so, weil das Verfahren in der TU Darmstadt entwickelt wurde.

Reißfestigkeit

  • Standardisierte Weiterreiß-Prüfungen (je nach Material z. B. Leder nach EN ISO 3377-1, beschichtete Textilien nach EN ISO 4674-1 – jeweils als normative Referenzen in der Normreihe).

Nahtfestigkeit

  • Standardisierte Naht-/Strukturprüfungen (u. a. auf Basis definierter Nahttypen/Belastungen; in der Praxis wird die Nahtleistung pro N/mm bewertet).
Schutzklassen und Zonen nach EN 17092 bei Motorradbekleidung
Die roten Zonen sind die Bereiche, die bei einem Unfall am meisten und längsten Kontakt zur Fahrbahn haben und somit am intensivsten auf Abrieb beansprucht werden.
Warum der Rücken grün ist, erklären wir hier.

Mindestwerte (Minima) für AAA bis A

Die folgenden Mindestwerte sind zonen- und klassenabhängig (aus einer EN-17092-Leistungsübersicht, die genau diese Schwellen zusammenfasst):

Impact-Abrieb (Darmstadt)

Mindest-Drehzahl (mit Äquivalent-Geschwindigkeit)

KlasseZone 1Zone 2Zone 3
AAA707 rpm (120 km/h)442 rpm (75 km/h)265 rpm (45 km/h)
AA412 rpm (70 km/h)265 rpm (45 km/h)147 rpm (25 km/h)
A265 rpm (45 km/h)147 rpm (25 km/h)keine Anforderungen

Reißfestigkeit (Tear strength): Mindestkraft

KlasseZone 1Zone 2Zone 3
AAA50 N50 N35 N
AA40 N40 N30 N
A35 N25 N25 N
(für Futter/linings wird häufig ein separater Mindestwert genannt, z. B. 10 N)

Nahtfestigkeit (Seam strength): Mindestkraft pro Nahtbreite

KlasseZone 1Zone 2Zone 3
AAA12 N/mm12 N/mm8 N/mm
AA8 N/mm8 N/mm6 N/mm
A6 N/mm6 N/mm4 N/mm
(für Futter/linings wird häufig z. B. 4 N/mm genannt)

Die Schutzklassen Zonen an Deiner Motorradbekleidung

Die Zonen 1–3 sind ein zentrales Konzept der EN-17092-Norm, weil damit festgelegt wird, wo an der Motorradausrüstung welche Mindest-Schutzleistung erreicht werden muss.

Grundidee der Zoneneinteilung

Die Norm geht davon aus, dass nicht jede Stelle am Körper beim Sturz gleich stark belastet wird.
Darum wird ein Kleidungsstück in Risikozonen eingeteilt – je höher das Risiko, desto höher sind die geforderten Abrieb-, Reiß- und Nahtfestigkeiten.

Zone 1 – Hochrisikozone

Bereiche mit hoher Wahrscheinlichkeit für Erstkontakt, hoher Energie und langer Rutschphase.

Typische Körperstellen:

  • Schultern
  • Ellbogen
  • Knie
  • Hüfte / Gesäß
  • Außenbereiche von Unterarm und Unterschenkel

Normative Bedeutung:

  • Höchste Mindestanforderungen an Abrieb, Reißfestigkeit und Nähte‼️
  • Hier entscheidet sich meist, ob ein Kleidungsstück AAA, AA oder nur A erreicht👈

Praxisbezug:

Das sind die Stellen, die beim klassischen Low- oder Highsider fast immer zuerst und am längsten über den Asphalt rutschen.

Zone 2 – Mittleres Risiko

Bereiche mit sekundärem Kontakt oder geringerer Belastung.

Typische Körperstellen:

  • Seitlicher Oberkörper
  • Teile von Brust und Rücken
  • Innenseiten von Armen und Beinen
  • Flanken

Normative Bedeutung

  • Mittlere Mindestwerte
  • Schutzleistung geringer als Zone 1, aber deutlich höher als Zone 3

Praxisbezug

Hier kommt es oft zu kurzzeitigem Kontakt oder Druck durch Verdrehen des Körpers.

Zone 3 – Niedriges Risiko

Zonen mit geringer Abrieb- und Aufprallwahrscheinlichkeit.

Typische Körperstellen:

  • Mitte von Brust und Rücken
  • Innere Bereiche der Arme
  • Innere Oberschenkel
  • Bereiche ohne direkte Bodenkontaktwahrscheinlichkeit

Normative Bedeutung:

  • Niedrigste Mindestanforderungen
  • Ermöglicht leichtere, flexiblere Materialien

Praxisbezug:

Diese Bereiche dienen oft eher dem Tragekomfort, Belüftung und Beweglichkeit.

Wichtig: Zonen haben nichts mit Protektoren zu tun!

Hier kommen wir zu einem weit verbreiteten Denkfehler:

  • Zonen → betreffen Material & Nähte
  • Protektoren → separat geprüft nach EN 1621-x

Ein Knieprotektor kann z. B. in Zone 1 liegen, aber:

  • das Außenmaterial muss die Zone-1-Werte erfüllen
  • der Protektor selbst wird unabhängig davon bewertet

Warum ist das für Motorradfahrerinnen relevant?

Zwei Jacken mit gleicher Schutzklasse (z. B. AA) können sich stark unterscheiden:

  • große Zone-1-Flächen → tendenziell robuster
  • kleine Zone-1-Flächen → leichter, luftiger

Mesh-Jacken sind oft Schutzklasse A, weil große Zone-1-Flächen mit Mesh die hohen Abriebwerte nicht erreichen.

Das CE-Label: Was muss draufstehen?

Jede nach EN 17092 zertifizierte Motorradbekleidung muss ein dauerhaft angebrachtes Etikett haben (meist innen eingenäht). Deswegen gilt: Nicht rausschneiden! Gerade im Ausland wirst Du als Motorradfahrerin gerne mal “stillgelegt” wenn du z.B. aus deinem Motorradhandschuh dieses Etikett herausgetrennt hast.

Pflichtangaben:

  • CE-Kennzeichnung (CE-Symbol)
  • Normnummer: EN 17092-x:2020
  • Schutzklasse: AAA, AA, A (oder B / C)
  • Piktogramm Motorradfahrer
  • Hersteller / Modellbezeichnung
  • Größe
  • Notified Body Nummer (4-stellig, z. B. 0120)

Wichtig:

Das Label sagt nur, dass die Mindestanforderungen der Klasse erreicht wurden – nicht wie großzügig!

Der größte Trick: „Minimal-Zone-1-Flächen“

Die Norm schreibt keine Mindestgröße für Schutzklassen der Zone-1-Flächen vor.
Das heißt: Ein Hersteller kann Zone 1 extrem klein halten, um mit leichterem Material trotzdem AA oder sogar AAA zu erreichen.

Typische „Warnzeichen“ sind:

  • Sehr kleine Leder- oder Verstärkungspatches nur exakt über Knie/Ellbogen
  • Große Stretch- oder Meshflächen direkt angrenzend
  • Hohe Schutzklasse bei extrem leichter / luftiger Bauweise

Das ist zwar rein rechtlich korrekt, schutztechnisch aber grenzwertig.

Was du nicht auf dem Label findest (aber wissen willst)

Nicht angegeben ist auf dem Label:

  • Wie groß Zone 1 / 2 / 3 tatsächlich sind
  • Welche Materialien in welcher Zone liegen
  • Ob Zone-1-Material nur „gerade so“ oder weit über Mindestwert liegt
  • Ob alle Nähte in Zone 1 gleich stark sind

Das CE-Label ist ein Bestehensnachweis,
kein Qualitätsranking!


Wie erkennst du ernst gemeinte Zoneneinteilung beim Kauf von Motorradbekleidung?

A) Hersteller-Transparenz (sehr wichtig)

Seriöse Hersteller zeigen:

  • Zonengrafiken (farbig markiert: Zone 1–3)
  • Materialangaben pro Zone (z. B. „SuperFabric in Zone 1“)
  • Aussagen wie:
    o „vollflächige Zone-1-Verstärkung“
    o „durchgehendes Abrieblayer an Knie & Hüfte“

Fehlt das komplett? Dann ist zumindest Vorsicht geboten.

B) Konstruktion ansehen (im Laden oder Fotos)

Gute Zeichen:

  • Große, zusammenhängende Abriebflächen an:
    o Knie + Schienbein
    o Ellbogen + Unterarm
    o Gesäß + Hüfte
  • Außenliegende, Doppel- oder Sicherheitsnähte
  • Kein Mesh direkt auf Schulter, Ellbogen, Knie, Gesäß

Schwache Zeichen:

  • Stretch/Mesh auf der Außenseite von Knie oder Ellbogen
  • Abriebfeste Einsätze nur münzgroß
  • Nähte genau auf „Rutschlinien“

C) Protektortaschen bedeutet nicht gleich Zone-1-Material

Ein Klassiker:
„Da ist ja ein Level-2-Protektor, also passt das.“
Nein.
Der Protektor schützt vor Aufprall, nicht vor Abrieb!

Die Frage, die du dir stellen solltest:

Was bleibt übrig, wenn der Protektor beim Rutschen verrutscht oder wegklappt? Wenn dort dann nur dünnes Textil ist, ist das eine schlechte Zonenumsetzung des Herstellers.

Schutzklassen richtig & realistisch einordnen

KlasseRealistische Einordnung
AAARennstrecke, sportliches Fahren, hohes Tempo
AASehr guter Straßenschutz (Touring, Landstraße)
AStadt, Sommer, Komfort-Fokus
B/CSpezialfälle (ohne Protektoren / Unterwäsche)

Eine ehrliche AA-Jacke mit großen Zone-1-Flächen schützt oft besser als eine „auf Kante genähte“ AAA-Motorradjacke.

Schutzklassen 3-Fragen-Kaufprüfung

Wenn du skeptisch bist, frag dich selbst:

  • Wo ist das robuste Material – flächig verarbeitet oder nur punktuell?
  • Sind Schultern, Ellbogen, Knie, Gesäß wirklich mit abriebfesten Material verstärkt?
  • Würde ich diesem Material eine Asphalt-Rutschpartie mit 70-100 Km/h zutrauen?

Wenn du bei einer Frage zögerst, solltest du die Schutzklasse kritisch hinterfragen und ggf. nochmal die Eigenschaften der verwendeten Gewebe recherchieren …

Alles grün = alles Sicher?

Jetzt kommen wir zu einem wichtigen Missverständnis von Sicherheit und Schutzzonen, das wir aufräumen müssen. „grün = geringes Risiko“ darf beim Rücken nicht mit „ungefährlich“ verwechselt werden! Der scheinbare Widerspruch lässt sich nur sauber auflösen, wenn man zwei völlig unterschiedliche Verletzungsmechanismen trennt, die die Norm leider optisch nicht klar macht.

Warum ist der Rücken in den Schutzklassen nach EN 17092 oft Zone 3 (grün)?

EN 17092 bewertet ausschließlich:

  • Abrieb
  • Reißfestigkeit
  • Nahtfestigkeit

also Materialversagen beim Rutschen, nicht Verletzungen des Körpers selbst.

Beim Rücken gilt:

  • Sehr geringe Wahrscheinlichkeit für langes, flächiges Rutschen
  • Meist kein Erstkontakt mit dem Asphalt
  • Kontakt oft kurzzeitig oder indirekt

Deshalb wird die Rückenmitte materialtechnisch als Zone 3 eingestuft. Das sagt nichts über die Schwere möglicher Verletzungen aus.

Verletzungsgefahr der Wirbelsäule = völlig andere Kategorie

Die Wirbelsäule ist gefährdet durch:

  • Aufprallenergie
  • axiale Stauchung
  • Biegung / Rotation
  • Punktuelle Schläge

Diese Risiken haben nichts mit Abrieb zu tun!

Genau deshalb ist der Rücken in der PSA-Systematik zweigeteilt:

RisikoartNorm
Abrieb EN 17092
(Schutzzonen)
WirbelsäulenverletzungEN 1621-2
(Sicherheitslevel f. Rückenprotektoren)

Warum die Norm das so trennt (und warum das problematisch ist)

Die Norm folgt der Statistik:

  • Rücken rutscht selten lange
  • Aber wenn er getroffen wird, sind die Folgen oft katastrophal

Das führt zu einem paradoxen Bild:

  • Zone 3 (niedrige Abriebwerte erlaubt)
  • gleichzeitig höchste medizinische Relevanz

Das ist keine Schutzlücke, sondern eine Zuständigkeitsaufteilung – aber sie ist in der Komunikation schlecht gelöst.

Praktische Konsequenz für dich (extrem wichtig)

Rücken = Zone 3 bedeutet eben nicht unkritisch
Die Sicherheitsstrategie lautet:

  • Material am Rücken -> Komfort, Beweglichkeit
  • Schutz der Wirbelsäule -> immer über Protektor

Ohne Rückenprotektor ist eine Jacke – egal ob AAA – aus sicherheitstechnischer Sicht unvollständig.

Was beim Rückenprotektor wirklich zählt

Ein guter Rückenprotektor sollte:

  • EN 1621-2 Level 2 erfüllen
  • möglichst großflächig sein (Steißbein bis Schulterblatt)
  • eng anliegen, nicht „schwimmen“
  • bei sportlicher Nutzung idealerweise separat getragen werden

Achtung bei integrierten Protektoren

  • sind oft Level 1 (Kostenfrage bei der Preisgestaltung)
  • zu kurz (Steißbein oft nicht mit abgedeckt, kann ggf. in der Hose als Extra-Protektor nachgerüstet werden)
  • können leichter beim Sturz verrutschen

Die richtige mentale Einordnung (Merksatz)

Zonen sagen, wo Kleidung reißt.
Protektoren sagen, wo Knochen brechen.
Beides ist wichtig – aber nicht austauschbar.

Warum ist diese Frage bei Schutzklassen so extrem wichtig?

An dem Punkt entwickeln viele Motorradfahrer ein falsches Sicherheitsgefühl:
„AAA = Rücken sicher“ ist schlichtweg die falsche Schlussfolgerung!


AAA schützt dich vor Asphalt.
Der Rückenprotektor schützt dich vor dem Rollstuhl.


Wir hoffen die Frage nach den Schutzklassen und die wichtige Unterscheidung zwischen Schutz vor Aufprall und Schutz vorm Durchscheuern verständlich aufgedröselt zu haben. Lass uns gern einnen Kommentar da.

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