Manche Touren fühlen sich weniger nach Kurvenspaß an und mehr nach Gruppentherapie auf zwei Rädern. Nur ohne Stuhlkreis. Dafür mit Helm, Maschine und erstaunlich viel Meinung.
Manchmal startet eine Motorradtour ganz harmlos. Kurzes Kennenlernen, Info über heutigen Fahrstil mit vielen Pausen um Raum zum Reden und kennenlernen zu haben. Gemeinsame Abfahrt Richtung Pfälzer Wald, schöne Strecke, fremde Frauen, gemeinsame Vorfreude. Alles riecht nach Freiheit, Kurven und einem Stück Kuchen oder einem Eis irgendwo zwischen Waldlichtung und Weiherromantik. Gruppenausfahrt startet super. Und dann dauert es ungefähr sieben Minuten, bis aus „Wir fahren zusammen“ ein kleines soziales Experiment wird. Ich nenne es (liebevoll): Egoshooter mit Auspuffgeräusch.
Wenn Blümchenpflücken plötzlich nach Schlachtplan stinkt
Da gibt es Menschen, die melden sich zu einer Gruppenfahrt an, erwarten aber innerlich offenbar eine Privattour mit Wunschtempo, Wunschstrecke und persönlicher Befindlichkeitsbetreuung. Da wird gemault über die Strecke, das Tempo, Pausen, über Nicht-Pausen, Kurven, Geradeausstücke und vermutlich auch über die Luftfeuchtigkeit im Helm.
Und während ich vorne als Guide versuche, Strecke, Sicherheit, Gruppe und Stimmung zusammenzuhalten, zieht plötzlich jemand ohne Absprache vorbei. Am Guide vorbei. In einer Gruppenausfahrt.

Das ist ungefähr so, als würde man im Restaurant in die Küche marschieren, den Koch beiseiteschieben und sagen: „Also die Menüführung war jetzt nicht so meins.“
Mein innerer Monolog dazu: „Aha. Spannend. Die Straße ist heute offenbar nicht das Hauptproblem.“
Wenn man sich beruflich mit Psyche, Verhalten und Kommunikation beschäftigt, merkt man recht schnell: Hier geht es gar nicht nur um das Tempo oder die Strecke. Da fährt noch etwas anderes mit. Irgendwo zwischen Fußraste und Helm brummen eine Erwartungshaltung und eine Menge Befindlichkeiten mit.
Trotzdem: Ich bin Guide. Nicht Sandsack mit Motorradstiefeln und in dem Moment nicht zuständig dir alles recht zu machen und dir den Befindlichkeitsarsch zu pudern.
Ein freundliches “Ich bin raus” ist vollkommen OK
Eine Gruppe funktioniert nur, wenn alle verstehen, dass das eigene Bedürfnis wichtig ist, aber nicht automatisch die ganze Tour steuern darf. Wer merkt: „Das passt heute nicht für mich“, darf das sagen. Klar, ehrlich, respektvoll. Ein einfaches „Ich steige hier aus, das ist heute nicht meine Tour“ ist völlig in Ordnung.
Was nicht funktioniert: schlechte Stimmung verbreiten, andere mit runterziehen, Regeln ignorieren und hinterher die Verantwortung beim Guide abladen wie nasse Regenklamotten nach einer Tour und dann noch ins Lästern zu verfallen, das gibt ein enormes Bild ab. Schwestern auf der Straße?! Meine Definition ist da eine andere.
Gruppenausfahrten sind manchmal langsamer als Alleinfahrten, besonders wenn man das erste Mal zusammen fährt. Natürlich. Da gibt es Pausen, die man selbst vielleicht nicht gebraucht hätte. Strecken, die nicht der eigenen Lieblingslinie entsprechen. Menschen, die anders fahren, anders denken, anders ticken.
Wirklicheit unter’m Motorradhelm
Zwischen Erwartung und Realität liegt ein Delta. Und in diesem Delta zeigt sich das Maß deiner Flexibilität.
Vielleicht ist eine Gruppentour eben nicht nur Kurvenfahren. Vielleicht ist sie auch Toleranztraining mit Blinker. Und vielleicht beginnt Gemeinschaft genau dort, wo ich nicht sofort bekomme, was ich mir vorgestellt habe. Könnte sein, dass du was bekommst, womit du nie gerechnet hättest. Wer nur jammert und mault, verschließt diese Möglichkeit nicht nur für sich, sondern auch für die Gruppe. Das ist egoistisch.
Wer offen bleibt, erlebt manchmal auf einer Gruppenausfahrt mehr als geplant. Wer nur meckert, ist dabei, kommt aber nicht mit.
Hauptsache heil zuhause.
DLzG
Claudia
>> Motorradtouren zum gemeinsam fahren findet ihr hier <<
Claudia ist Expertin für Resilienz und Stressabbau
Wer viel Stress hat oder hatte, Verlust erlebt hat, schwimmt in einem Cortisolmeer, das macht nicht nur dickliche Bäuche sondern auch ein “alles Scheiße finden” Setting. Hat alles seine Berechtigung und ist medizinisch verständlich, hat in der Freizeit bei einem Fremden nicht abgeladen zu werden. Der kann in der Zeit nämlich auch Dinge tun, die effektiver sind. Wer was abladen möchten kann sich eine psychologische Beratung bei mir buchen, Wille zur Eigenreflexion ist hier aber eine Voraussetzung. Das ist der richtige Rahmen mit Zeit nur für dich.

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