Das Porzellanmuseum in Selb. Es gibt Roadtrip-Momente, die überraschen dich leise. Keine spektakulären Pässe, kein dramatischer Sonnenuntergang – sondern ein Ort, der dich langsamer macht. Nach ein paar geschmeidigen Kurven durchs Fichtelgebirge rolle ich in Selb vom Gas, stelle das Bike ab und stehe plötzlich vor Backstein, Stahlträgern und hohen Fabrikfenstern. Porzellanikon – Staatliches Museum für Porzellan. Kein Hochglanzmuseum. Sondern Geschichte, die geblieben ist.
Handwerkstradition zum Anfassen
Drinnen schlägt mir sofort eine besondere Atmosphäre entgegen. Es ist kühl, weit, industriell. Die Hallen sind original erhaltene Produktionsstätten – und genau das macht diesen Ort so stark. Hier wurde gearbeitet. Geschuftet. Gebrannt. Und genau hier wird Porzellan nicht erklärt, sondern erzählt. Schritt für Schritt.

Der Rundgang beginnt bei den Rohstoffen: Kaolin, Feldspat, Quarz. Unspektakulär? Keineswegs. Denn plötzlich wird klar, wie präzise diese Mischung sein musste, wie viel Erfahrung nötig war, um aus pulveriger Masse etwas zu formen, das später hauchdünn, hart und makellos weiß sein sollte. Ich gehe weiter in die Werkstätten der Masseaufbereitung. Große Maschinen, schwere Behälter, massive Technik. Alles wirkt langsam – und gleichzeitig gnadenlos effizient. Hier war kein Platz für Fehler.

Industrieromantik vs. Ohrenkiller
In den historischen Hallen hört man nichts – und doch erzählt alles. Die Maschinen stehen still, aber man kann sie sich mühelos in Bewegung denken. Das Stampfen, Klacken und Zischen. Kein dekoratives Museumsrauschen, sondern ehrliche Industriegeschichte. Genau das macht diesen Ort so besonders. Und wenn dann die Maschinen zu Demozwecken angeschaltet werden, dann verabschiedet sich jedes Gefühl von Industrieromantik schlagartig. Es hämmert dir das Trommelfell raus. Wir sind alle froh, dass das jetzt nur Demo war und kein Zehnstundentag!

Hier läuft es rund
Becher können als Rotationskörper auf dem Drehteller geformt werden. Einmal so zur Demo, sehr unterhaltsam. Damals mit 6-Tage-Woche und 10-Stundentag mit Hitze und Staub am Arbeitsplatz ein Knochenjob. Da siest du deinen Kaffeebecher gleich mit anderem Kopfkino.

Weißfertigung im Porzellanmuseum
Besonders hängen bleibe ich in der Weißfertigung mit Gipsformen und den Gießprozessen mit dem Schlicker. Klugscheißen macht nach dem Museumsbesuch schon richtig Spaß. Du siehst hier, wie Kannen, Tassen, Figuren entstanden – nicht als Einzelstücke, sondern in Serien, Tag für Tag. Ich stelle mir vor, wie hier früher Hände gearbeitet haben: immer dieselben Bewegungen, immer dieselbe Präzision. Motorradfahren fühlt sich plötzlich sehr modern an.

Heiß und hoch – Die Brennöfen
Dann die Brennöfen. Riesig. Dunkel. Einschüchternd. Temperaturen, die keinen Spielraum lassen. Ein falscher Brand – alles verloren. Und genau hier wird mir klar, wie viel Mut und Können diese Arbeit verlangt hat. Wer Porzellan brennt, entscheidet sich für Konsequenz. Das ist kein Kompromissmaterial. Entweder es gelingt – oder es zerbricht. Und das damals schon in riesigen Stückzahlen. Das war schon sehr präzise Industrie-Fertigung.
Irgendwie fühle ich mich daran erinnert, wie wichtig es ist, eine Linie sauber und präzise durch eine Kurve zu ziehen.

Highlight: die Dekoration. Kontrastprogramm pur
Feinmalerei, Drucktechniken, Vergoldung. Nach der körperlich harten Arbeit der Formgebung kommt hier die ruhige, konzentrierte Präzision. Ich beobachte Muster, Linien, Ornamente – und denke daran, wie oft wir heute Dinge als selbstverständlich ansehen, die früher reine Handarbeit waren. Jede Tasse ein kleines Projekt. Jede Unachtsamkeit sichtbar.
Was mich besonders berührt: Das Porzellanikon erzählt nicht nur von Produkten, sondern von Menschen. Von Arbeitsalltag, von Schichtbetrieb, von Hitze, Staub und Verantwortung. Porzellan war „weißes Gold“, ja – aber es wurde mit echtem Einsatz verdient. Und genau deshalb wirkt dieses Museum nicht geschniegelt, sondern bodenständig ehrlich.

Porzellanherstellung wirkt
Als ich später wieder vor dem Porzellanmuseum stehe, Helm unterm Arm, Bike bereit für die nächste Etappe, nehme ich etwas Unerwartetes mit. Keine Souvenir-Tasse, sondern Respekt. Für Handwerk. Für Präzision. Für Wege, die Zeit brauchen. Das Porzellanikon ist kein kurzer Boxenstopp. Es ist ein Ort, an dem man bewusst anhält – und genau deshalb perfekt für einen Roadtrip.

Denn manchmal sind es nicht die schnellen Kilometer, die bleiben. Sondern die Orte, die uns zeigen, wie viel Substanz in Dingen steckt. Und dass echte Qualität – ob Porzellan oder Motorradfahren – immer aus Können, Geduld und Haltung entsteht.
Porzellanmuseum: Mein Roadtrip-Tipp
Plane mindestens zwei bis drei Stunden für deinne Besuch im Porzellanmuseum ein. Und fahr nicht direkt weiter. Lass das Gesehene setzen. Manche Kurven fährt man besser, wenn man innerlich ruhiger ist. 🏍️
Alle Infos zum Porzellanikon in Selb
Adresse. Öffnungszeiten. Eintrittspreise und aktuelle Sonderausstellungen.
Das Museum hat ein Herz für Motorradfahrer. Spinde mit genug Platz für Motorradhelm und Jacke gibt es kostenlos. Chip gibt es an der Infotheke.
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Disclaimer: Mit freundlicher Unterstützung von Tourismusverband Fichtelgebirge

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