Julia – Das erste Mal Knie unten auf der Rennstrecke

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Julia und ihre aktuelle Maschine. Eine BMW S1000 RR. Bild: Kris Deutsch

Hallo, wie heißt Du bitte? Julia und auf Instagram findet man mich hier.
Und wie alt bist Du? 23
Was ist Dein Job? Diplom Finanzwirtin (ich arbeite beim Finanzamt)
Seit wann fährst Du Motorrad? Juli 2016

Wie und warum bist Du zum Motorradfahren gekommen?

Ein guter Freund meiner Mutter ist ebenfalls Motorradfahrer und wollte meine Mutter vor Jahren an einem schönen Nachmittag mitnehmen. Meine Mutter hatte Angst und wollte nicht mitfahren, aber ich (ca. 15 Jahre alt) nutzte die Chance und fragte, ob ich mitkommen dürfte. Beide waren einverstanden und so lieh ich mir spontan von unserer Nachbarin Schutzkleidung. Wir fuhren gemeinsam mit den Nachbarn und zwei Motorrädern eine kleine Tour.
Es ging in entspanntem Tempo durch die schöne Natur der Eifel. Ich mochte das Freiheitsgefühl auf dem Motorrad und auch das Biker sich untereinander grüßten fand ich toll. Es war einfach ein schönes Miteinander. 
Auf dem Rückweg fuhr er schneller, sodass wir vor der Haustür auf die Nachbarn ein bisschen warten mussten. Ich bekam mein Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht, die schnellere Rückfahrt hatte mir gut gefallen. Als die beiden anderen ankamen war unsere Nachbarin allerdings sehr aufgebracht und sagte meiner Mutter sofort sie solle mich nicht mehr mitfahren lassen, weil mein Fahrer viel zu schnell unterwegs gewesen wäre. Mir hatte die Fahrt riesigen Spaß gemacht, aber meine Mutter ließ sich von der Sorge anstecken und so durfte ich zukünftig nicht mehr mitfahren.

Mit 17 hätte ich gerne neben dem begleiteten Fahren auch A1 gemacht, aber das wollte meine Mutter nicht und da ich sowieso maximal das Geld für den Führerschein, aber nicht für eine eigene Maschine gehabt hätte, habe ich mich geschlagen gegeben und nicht weiter diskutiert.

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Julia fährt in kompletter Schutzausrüstung. Immer. Bild: Kris Deutsch

Erst als ich 19 Jahre alt war und der heutige Ehemann meiner Mutter seine damalige Maschine mitbrachte, nahm ich wieder auf dem Soziussitz platz. Diesmal auf einer 1250er Bandit. Ich bekam meine eigene Schutzkleidung und fuhr eine Zeit lang mit ihm mit. Schnell wuchs allerdings der Wunsch, selber zu fahren. Da ich inzwischen ein bezahltes duales Studium bei der Finanzverwaltung angetreten hatte, war es auch finanziell möglich.

Meinen Führerschein habe ich dann im Eilverfahren bei meiner allzu gut bekannten Fahrschule gemacht, da ich Wind von einer neuen Regelung bekommen hatte, nach der man nicht mehr jedes Motorrad drosseln und mit A2 fahren dürfen sollte. Da mir die Sportmotorräder schon immer am besten gefallen hatten war für mich gegen jeden Widerstand meiner Mutter und anderer Leute klar, dass es ein Supersportler werden sollte und diese hätte ich mit der neuen A2 Regelung nicht mehr fahren dürfen.

Es wundert mich heute noch, dass ich die erste war, die der Fahrschule von der neuen A2 Regelung erzählt hat, obwohl die Entscheidung darüber zuerst schon für den 08.07.2016 geplant war. Wie wir heute Wissen wurde der Beschluss des Gesetzes auf einige Monate später verschoben, aber so oder so hielt ich am 06.07.2016 überglücklich meinen A2 in der Hand.

Welches Motorrad fährst Du?Warum hast Du diese Maschine gewählt?

Angefangen habe ich auf einer 600er Suzuki GSXR aus 2002, die ich bereits ca. einen Monat vorher gekauft hatte. Mit ihr ging es zusammen mit einem Freund direkt nach dem Führerschein Richtung Nürburging.

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Julia mitihrem zweiten Motorrad.
750er GSXR K8 . Bild: maru_photographie

Ich habe vor wenigen Wochen meine aktuelle Maschine abgeholt. Von der habe ich bereits seit meinem Führerschein-Training geträumt: eine BMW S1000RR.

Der Grund warum ich diese Maschine fahren möchte ist pure Bewunderung. Die 199PS werden auf der Straße nicht gebraucht.
Man kann sich schon mit weit weniger Leistung um Kopf und Kragen fahren.

Im letzten Jahr hatte ich ein Mal das Vergnügen eine BMW K1300S aus 2014 fahren zu dürfen und war einfach nur begeistert, wie leicht und angenehm sie sich fuhr. Sie war viel agiler als ich es diesem 260kg Koloss zugetraut hätte und das Motorrad hatte unglaublich viel Zug von unten. Diese Fahrt war auf jeden Fall ein Grund, warum mein Interesse an den neueren Maschinen immer weiter gestiegen ist.

Was bedeutet Dir Motorradfahren heute?

Motorradfahren bedeutet für mich heute immer noch Freiheit und Freundschaft, aber auch sich selber zu überwinden. Vor allem auf der Rennstrecke bin ich noch sehr nervös bevor es losgeht. Aber jedes Mal wenn ich ein weiteres Ziel erreicht habe, ist das ein unglaubliches Gefühl!

Was bewunderst Du an anderen?

Bei Anderen bewundere ich vor allem die positive Energie und das Selbstvertrauen, mit der sie an unterschiedliche Sachen herangehen. Ich mache mir leider viel zu oft zu viele Gedanken oder setzte mich selber mit meinen Erwartungen unter Druck, sodass ich den Spaß etwas aus den Augen verliere.

Was war Deine größte Herausforderung bisher?

Als meine bisher größte Herausforderung würde ich das Getting Started bei Speer im Mai 2018 auf der Rennstrecke in Oschersleben bezeichnen. Ich habe den Platz kurzfristig bekommen, aber je näher der Termin kam desto nervöser wurde ich. Ich war mir nicht sicher ob ich das konnte oder zu langsam war und bin am Anfang trotz Fahrübungen im Fahrerlager unglaublich verkrampft gewesen.

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Julia das erste Mal beim freien Fahren auf der Rennstrecke. Bild: racepixx

Wie hast Du Sie gemeistert und wie hat das Dein weiteres (Biker)Leben beeinflusst?

Die ersten beiden Turns auf der Rennstrecke konnte ich kaum genießen und war unsicher. In einer Pause habe ich dann mit unserem Instruktor meine beiden „Angstecken“ besprochen (v.a. Die erste Rechts nach Start/Ziel). Als ich dann im dritten Turn hinter ihm hergefahren bin und versucht habe, seine Tipps umzusetzen, konnte ich endlich entspannen und es hat einfach nur unglaublich viel Spaß gemacht. Es war so ein geiles Gefühl das erste Mal mit dem Knie auf der Erde zu sein und ich wollte einfach nur mehr.

Gab es schon Mal eine brenzlige Situation? Was war es und wie hast Du reagiert?

Es gab schon mehrfach brenzlige Situationen, aber zwei Dinge fallen mir sofort ein:

  • Mein Unfall im August 2016 nach ca. 5.000km mit dem Motorrad. Ich habe leider keinerlei Erinnerung daran und kenne nur die äußeren Begebenheiten: bergauf, langgezogene schöne Linkskurve, am Kurvenausgang Abflug per Highsider (Hinterrad rutscht weg und bekommt wieder Grip, sodass das Motorrad auf die andere Seite schlägt) und das bei 48PS am Hinterrad.
    Vielleicht lag etwas auf der Straße, vielleicht auch nicht. Ich werde es nie erfahren und es wird auch nicht viel daran ändern, dass ich Glück hatte nicht in einem Baum, Verkehrsschild oder ähnlichem gelandet zu sein. 
    Eine Narbe an und etwas Metall in der linken Hand ist nicht das einzige was mir von diesem Unfall geblieben ist, denn der Gedanke daran fährt auch heute irgendwie noch mit. 
    Und ich kann sagen, dass ich mich nach 5.000km überwiegend Landstraße von Anfang Juli bis Ende August 2016 auf dem Motorrad sehr wohl und auch recht sicher gefühlt habe. Nach dem Unfall bin ich eindeutig schlechter, nicht sicherer gefahren.
  • Im April 2018 wurde dem Vater meines Freundes und mir auf einer entspannten Tour die Vorfahrt von einem älteren Autofahrer genommen. Dieser hätte sich durch Blick in den extra gegenüber angebrachten Spiegel davon überzeugen müssen, dass die Straße frei ist. Aber selbst als er uns direkt sehen konnte hat er nicht angehalten oder ist schnell weitergefahren, sondern lediglich langsam auf die Straße weitergerollt, bis er nahezu alles versperrt hat. Da ich als zweiter fuhr und mehr Zeit zum reagieren hatte, konnte ich über die Einfahrt, aus der das Auto kam, ausweichen. Der Voerausfahrende jedoch nicht. Ich bin einfach nur sehr froh, dass ihm bei dem Zusammenprall nichts passiert ist.
    Die Polizei gab uns Recht und auch die Versicherung des Unfallgegners zahlte den Schaden sofort. Aber der ältere Herr hat vermutlich eine Rechtschutzversicherung und klagt deswegen trotzdem privat. Für Ihn sind Motorradfahrer generell Raser. Anstatt zu fragen, ob wir verletzt sind hat er sofort gesagt, dass wir zu schnell gewesen wären, was nicht stimmt.

Was war Dein schönstes Erlebnis?

Mein schönstes Erlebneis war gleichzeitig meine größte Herausforderung. Zum ersten Mal auf die Rennstrecke.

Das Gefühl nach dem Rennstrecke Training war unbeschreiblich gut. Ich war stolz und glücklich über einen der besten Momente in meinem Leben und ich wusste sofort, davon will ich mehr.

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Julia mit der Suzuki 750 GSXR auf der Rennstrecke. Bild: Photo-BK.com

Wo oder welche Strecke würdest Du gern einmal fahren? Warum reizt Dich das?

Ich möchte mal nach Bayern, weil mich die Landschaft dort interessiert.
Im Juli geht es ein paar Tage in den Schwarzwald, worauf ich mich auch schon sehr freue (ebenso wegen der tollen Landschaft und der Zeit, die ich mit meinen Freunden verbringe).
Außerdem würde ich gerne mal auf die Rennstrecke nach Brünn.

Was würdest Du Dir selbst raten, wenn Du jetzt mit dem Motorradfahren beginnen würdest?

Ich kann jedem, der sich für schnelles Fahren interessiert nur raten, ein Einsteiger-Renntraining zu besuchen. Man kann mit geringsgtmöglichen Risiko an seine Grenzen gehen und lernt Gleichgesinnte kennen.
Beim Getting Started von Speer oder auch dem Rookie Camp von Hafeneger geht es vor dem eigentlichen Renntraining auf einen Übungsplatz, auf dem Bremsübungen absolviert werden.
Zusätzlich bekommt man die Gelegenheit, sich auf sogenannten Flügelbikes ganz ungefährlich an mehr Schräglage heranzutasten. Das alles soll natürlich auch die Nervösität nehmen, bevor es für drei bis vier Turns mit Instruktor auf die Rennstrecke geht. Die Plätze werden dabei zwischendurch getauscht, sodass jeder die Möglichkeit bekommt ein paar Runden hinter dem Instruktor zu fahren um sich die Ideallinie genau anzuschauen. 
Zwischendurch gibt es immer kleine Pausen mit Besprechungen und Tipps vom Instruktor.

Ich kann das Training von Speer uneingeschränkt weiterempfehlen, da ich es selber mitgemacht habe. Mit der Rookie School von Hafeneger habe ich persönlich keine Erfahrungen gemacht, aber bisher nur gutes gehört.

Drei Tipps aus Deiner persönlichen Erfahrung?

  • Ich würde mir selber raten, mich weniger von anderen beeinflussen zu lassen und mehr Vertrauen in mich selber zu haben.
  • Auf der anderen Seite würde ich mir auch raten langsamer anzufangen, als ich es getan habe. Lieber mit einem Freund fahren, der Rücksicht nimmt als zu versuchen hinterherzukommen.
  • Außerdem würde ich allen raten, nur ausreichend geschützt zu fahren und dabei nicht am falschen Ende zu sparen. Für mich bedeutet das Helm, Handschuhe, richtige Hose, Jacke (am liebsten Ledereinteiler), Rückenprotektor und Schuhe. Wir haben ein gefährliches Hobby und ich persönlich möchte mich bei einem Sturz so gut wie möglich geschützt wissen. Auch kleine Unfälle können ansonsten krasse Folgen haben.

Warum sollte Frau Motorradfahren?

Frauen sollten Motorradfahren, weil es einem das Gefühl von Freiheit geben kann. Auf keinen Fall sollte man sich abschrecken lassen, weil andere meinen etwas wäre zu schwer für euch.

Ich habe bei jedem Motorrad gesagt bekommen, es wäre zu schwer, zu groß und hätte zu viel Leistung. Ich bin der Überzeugung, dass das (auch) daran liegt dass ich eine Frau bin. Durch die Meinungen der anderen habe ich an mir gezweifelt und durch Unsicherheit Fehler gemacht, die vermeidbar gewesen wären. Vor allem nach dem Unfall haben mich andere umstimmen wollen. Und ich bin froh, heute da zu sein wo ich bin. Entgegen aller Meinungen bin ich die 750er GSXR unfall- und umfallfrei gefahren und habe mich auf der Rennstrecke Stück für Stück gesteigert.

Und vor allem, seid ehrlich zu euch selbst und versucht herauszufinden was ihr wollt.

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