Isle of Man – Festival of Motorcycling

Kleine Runde durch das große Britannien - Teil 2

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IoM Racing Union Mills. Mein Puls rast mit, als mein Freund Paul auf seiner 600er Suzuki im Rennen an mir vorbei kommt.

Zwei Inseln, vier Landesteile, sechs Wochen Zeit, sie zu erkunden. Im Sommer 2016 zog es mich nach Großbritannien. In mehreren Etappen durchquerte ich England, den Süden Schottlands, den Westen von Wales und setzte auf die Isle of Man über. Der zweite Teil der Reise führt vom Lake District über einen kurzen Abstecher nach Yorkshire auf die Isle of Man.

Isle of Man – Eine Insel der Besonderheiten

Nach zehn Tagen Wandern im Lake District waren meine Beinmuskeln trainiert und meine Gashand ganz kribbelig. In Keswick feierte ich Wiedersehen mit meinem Motorrad und verabschiedete mich zugleich von Rod Wickham, dem gastfreundlichen Blood Biker. In einem Rutsch fahre ich durch nach Yorkshire, um zunächst ein paar Ruhe- und vor allem Wäschetage bei Freunden zu verbringen. Diese begleiteten mich dann auch zum nächsten Highlight der Tour: dem Festival of Motorcycling auf der Isle of Man.

Die Isle of Man ist ein kleines Kuriosum. Mit 572 km² nimmt die Insel nur etwa Zweidrittel der Fläche meiner Heimatstadt Berlin ein. Das Eiland mit seinen 85.000 Einwohnern liegt inmitten der Irischen See. Als „crown dependency“ die Insel zwar der britischen Krone unterstellt, gehört jedoch weder zum Britischen Königreich noch zur EU. Es gibt eine eigene Währung, eigene Briefmarken und eine eigene Sprache sowie Katzen ohne Schwanz und – angeblich – Elfen, die friedlich mit den Menschen zusammenleben. Und es gibt Motorradrennen auf der Straße. Das berühmteste, der Isle of Man TT, findet jedes Jahr für zwei Wochen im Mai und Juni statt und zieht Profifahrer aus der ganzen Welt an. Jetzt im August ist die Zeit des Festival of Motorcycling gekommen. Der 2012 kreierte Event vereint mit dem Classic TT und den Manx Grand Prix zwei Rennen, die vor allem Liebhaber klassischer Motorräder anziehen. Die Rennen sind auch für Amateure offen, die den Rennsport zwar nicht berufsmäßig betreiben, aber dennoch alles andere als Dilettanten sind. Zudem entdecken immer mehr Profis den Classic TT als „entspannte Variante“ des TT für sich.

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Das Logo der Isle of Man findest Du überall … selbst auf dem Kaffee.

Auf dem 60,7 Kilometer langen „Snaefell Mountain Course“ gelten für Profis wie Amateure die gleichen Regeln – und die gleichen Risiken. „To finish first, you first have to finish!“ Das Motto des Motorradrennsports, dass man erst einmal überhaupt ins Ziel kommen muss, bevor man als Erster im Ziel sein kann, hat nirgendwo so viel Gültigkeit wie auf der Isle of Man. Der anspruchsvolle Kurs verlangt Mensch und Maschine alles ab. Unfälle sind auch beim Classic TT und dem Manx GP leider keine Seltenheit.

Dennoch erfreuen sich die Rennen wachsender Beliebtheit. Und das hat vor allem mit einem zu tun: Leidenschaft. Und von der gibt es auf der Isle of Man jede Menge. Nicht nur unter den Fahrern, ihren Teams und dem anreisenden Publikum grassiert das Motorradfieber. Auch die Insulaner sind mit Enthusiasmus und viel persönlichem Einsatz beim Motorradfestival dabei. Hunderte von ihnen treten als freiwillige Streckenposten an, die Bewohner ertragen die stundelangen Sperrungen des Mountain Course, immerhin eine der Hauptverkehrsadern der Insel, mit Fassung, viele stellen ihre Vorgärten und Einfahrten entlang der Rennstrecken für Besucher zur Verfügung, servieren Sandwiches und Tee gegen einen kleinen Unkostenbeitrag und sammeln Spenden für den Notfallhelikopter.

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Die scharfe Kurve am Creg-ny-Baa bringt so manch einen Fahrer ins Schlingern. Der Käfig schützt die Pubbesucher vor zu viel Nähe.

Auf der Renntribüne im Kirchengarten

Ich verfolge mein erstes echtes Classic TT-Rennen auf der Isle of Man von einem Klappstuhl im Vorgarten der Union Mills Methodist Church aus. Wir sind schon früh hier eingetroffen, zum einen, um uns gute Plätze direkt an der Mauer neben der Straße zu sichern, und zum anderen um nicht von den Straßensperrungen aufgehalten zu werden, die circa eine Stunde vor offiziellem Rennbeginn einsetzen. Im Garten sind etwa dreißig bis vierzig Zuschauer versammelt. Die meisten von ihnen gehören eher älteren Semestern an, doch auch einige Jugendliche und Kinder sind anwesend. In der Kirche schmieren die Ladies des Kirchenvorstands im Akkord Sandwiches. Weiße Locken wippen auf und ab, während die Damen sich emsig über Schneidebretter beugen, Butter auf weißen Toast drücken, Käse und Schinkenscheiben übereinander stapeln, Teller mit den fertigen Sandwiches füllen und zwischendurch laut nach mehr Gürkchen und frischen Salatblättern rufen. Der Kuchenbasar ist auch schon aufgebaut, natürlich alles selbst gebacken, wie mir eine der Damen stolz bestätigt. Die Preise sind zivil. Für drei bis vier Pfund kann man sich schon satt essen, für den Stuhl fallen zwei Pfund Miete an, auf dem Rasen sitzen ist kostenlos.

Plaudernd, lesend, Musik hörend sitzen wir und warten auf den Startschuss. Der verzögert sich, da die Sichtverhältnisse „on the mountain“ schlecht sind und auch der Helikopter aufgrund von Morgennebel nicht starten kann. Hier unten in Union Mills scheint zwar die Sonne, aber das Wetter auf der Insel ist sehr wechselhaft und kann kleinräumig extrem unterschiedlich sein. Irgendwann klart es jedoch auch auf dem Snaefell auf und das Rennen beginnt. Wir hören im Radio mit, wie die Fahrer einzeln im 10 Sekunden Abstand starten. Und dann kommen sie auch schon. Als erstes die Profis: John Mc Guiness, Oliver Lindsdell, Michael Rutter, William Dunlop und Maria Costello, eine der wenigen Frauen im Rennsport. Maria ist auf der Isle of Man die TT schon sechs Mal gefahren.

Union Mills liegt am Ende einer Dreierkurven-Kombination. Die Fahrer kommen vor uns aus der letzten Kurve, ein kleiner Buckel am Ende bringt einige Bikes ins Schlingern, aber unbeeindruckt davon beschleunigen die Rennpiloten rasant an uns vorbei. Über die Live-Radiokommentare von verschiedenen Posten an der Strecke verfolgen wir Aufholjacken und Fahrmanöver entlang der Strecke. In der vierten und letzten Runde erreicht die Aufregung ihren Höhepunkt, denn jetzt holen die Fahrer alles aus ihren Maschinen heraus. In den Interviews, die die Gewinner kurz nach dem Zieleinlauf geben, hört man noch das Adrenalin pumpen. Und auch für mich war es aufregend, doch der Höhepunkt des Tages kommt erst noch. Denn im nächsten Rennen, dem „Lightweight Classic“ fährt ein Freund von mir im Feld mit.

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Volle Konzentration. Mein Freund Paul Wilson an der Startlinie für einen Trainingslauf.

Ein Rennfahrer aus Leidenschaft

Paul Wilson ist mit 60 Jahren einer der ältesten Fahrer auf der Isle of Man. Seit 1998 ist er jedes Jahr dabei, Classic TT und Manx GP sind die Highlights seines Rennjahres. Im wirklichen Leben ist Paul Zimmermann und selbstständiger Bauunternehmer. Fast jede Minute Freizeit und mehr als 20.000 Pfund pro Jahr investiert er in den Rennsport. Seine Motorräder baut er selber und mit der Hilfe von Freunden auf. Die Teile dafür findet er auf Schrottplätzen, bei Auktionen und bei E-Bay. Sein Team auf der Insel besteht aus Verwandten und Freunden, die hier ihren Jahresurlaub verbringen. Paul ist mit fünf Motorrädern angereist – nicht alle davon sind schon fahrbereit. Zwischen den Trainingsläufen und Rennen ist daher immer wieder Schrauben und Basteln angesagt, der Druck ist groß. Umso größer ist dann die Freude, wenn es ein Bike durch die technische Begutachtung geschafft hat und durch ausreichend Trainingsrunden auch für das Rennen qualifiziert ist.

Ich habe Paul auf einer Motorradtour in Neuseeland als einen erfahrenen und sehr entspannten Fahrer kennen gelernt. Im Umfeld des Rennens erlebe ich ihn jedoch angespannt, hochkonzentriert und aufgeregt, ohne dass er dabei in Nervosität verfällt. „Man muss lernen, gedanklich um die Ecke zu sehen…“, hat er mir mal erklärt, „… und zwar nicht nur um eine, sondern um die nächsten drei.“ Nur so kann es gelingen, voll konzentriert zu bleiben und sich nicht ablenken zu lassen. Den Mountain Course kennt Paul nach all den Jahren in- und auswendig. Trotzdem überrascht er ihn jedes Jahr aufs Neue. Die Qualität des Belages ändert sich, Licht- und Schattenverhältnisse werden vom Wachstum der Bäume und Hecken entlang der Straße beeinflusst. Wenn sich die Straße an den Rändern gesenkt hat oder sich Spurrillen gebildet haben, entstehen neue Wölbungen, in den sich Wasser ansammeln kann. Darum kann er sich auch nie darauf verlassen, dass die Fahrlinie des Vorjahres noch stimmt oder dass die Eigenheiten der Strecke, wie er sie sich eingeprägt hat, noch gültig sind.

Bei einem Motorradrennen zuzusehen, ist an sich schon aufregend. Wenn man einen der Fahrer persönlich kennt, nimmt die Aufregung noch zu. Nachdem das Radio den Startschuss übertragen hat, warte ich mit angehaltenem Atem darauf, dass Paul an meinem Beobachtungspunkt vorbei kommt. Als er endlich auf seiner schwarzen 600er Kawasaki an mir vorbeizieht, jubele ich ihm laut zu, auch wenn er mich garantiert weder sehen noch hören kann. Dann eine Runde angespanntes Warten. Die Fahrer, die vor und nach ihm gestartet waren, sind schon an uns vorbei. Wo aber bleibt Paul? Gab es einen Unfall, eine technische Panne? Letztere gab es tatsächlich. Wie er mir später erzählt, ist sein Motorrad am Berg, auf der Höhe des „Bungalow“ genannten Streckenpostens, einfach ausgegangen. Irgendwie ist es ihm jedoch gelungen, „die Maschine ins Leben zurück zu schütteln“. Die ganze Aktion hat ihn zwar kostbare Sekunden gekostet, aber er holt seinen Rückstand mit jeder Runde auf. Insgesamt vier Runden müssen im Rennen absolviert werden. Paul schafft sie in 1:35:34, das reicht für eine Platzierung in seiner Klasse. Die Bronze Replica, einer Nachbildung der originalen TT-Trophäe ist zwar nicht seine erste Auszeichnung hier auf der Isle of Man. Aber sie ist auf jeden Fall Anlass zur Freude und für eine große Feier abends im Pub.

Selbst ist die Frau: Meine Runde auf dem Mountain Course

Wie groß die Leistung der Fahrer ist, wird mir so richtig bewusst, als ich den Mountain Course selber befahre. Ich schaffe eine Runde in knapp unter einer Stunde. Gar nicht mal so übel angesichts der Tatsache, dass ich sie im normalen Verkehr und unter Beachtung der Geschwindigkeitsbegrenzungen zurücklege. Die wird von zahlreichen Polizisten überwacht, welche ihren Job sehr ernst nehmen. Es ist viel los auf dem Kurs, natürlich viele Motorradfahrer, aber auch Autos, Transporter, Lieferwagen und sogar Lkw sind unterwegs. Von der Startlinie aus geht es zunächst Brae Hill hinunter. Die Rennfahrer nehmen hier ordentlich Geschwindigkeit auf, den normalen Fahrer bremsen rote Ampeln aus. So lange die Strecke durch bebautes Gebiet führt, geht es nur langsam voran. Richtig Spaß macht die Sache jedoch, als ich die Haarnadelkurve in Ramsey passiere und der Mountain direkt vor mir liegt. Schöne Kurven, schöne Geraden, schöne Ausblicke auf Landschaft und Meer wechseln sich ab. Die TT-Fahrer jagen hier mit Geschwindigkeiten oberhalb 120 Meilen (!) pro Stunden entlang. Bei mir überschreitet die Nadel nie 110 Kilometer (!) pro Stunde. Gegenverkehr, Gegenwind, brüchiger Asphalt, gewölbte Straßenränder und ein gehöriges Maß an Respekt vor dieser geschichtsträchtigen Strecke halten die Gashand ruhig. Außerdem will ich den Moment genießen.

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Das Anhalten lohnt sich, denn schöne Aussichten gibt es an fast jeder Ecke der Insel.

Außer dem Mountain Course gibt es noch viele andere Motorradstrecken, die sich mit Genuss erfahren lassen. Dazu gehört beispielsweise die A27 von Peel Richtung Port Erin, auf der man entlang der Küste mit viel Meerblick fahren kann. Noch weiter südlich führt die A36 führt quer durch eine Heidelandschaft, die an die Yorkshire Moors erinnert. Von hier aus ist es ein Katzensprung bis zum Südzipfel der Insel und dem Calf of Man, einer vorgelagerten unbewohnten Insel, die vollständig als Vogelschutzgebiet ausgewiesen ist. Im klaren Wasser tummeln sich Robben. Sie blicken die menschlichen Betrachter ebenso neugierig an, wie diese das Spiel der Tiere im Wasser verfolgen. Das ist unglaublich entspannend, und ein absolut lohnendes Ausflugsziel. Natürlich sind hier, wie überall sonst auf der Insel, zahlreiche Motorradfahrer.

Einen Eindruck davon, wie viele unterwegs sind, bekommt man beim Festival of Jurby. Das sonntägliche Motorradtreffen hat Tradition. Showfahrten mit Motorrädern aller Klassen und Baualter, Ausstellungen, Stände von Motorradklubs, Rock’n’Roll Musik und eine Flugshow bieten ein beeindruckendes Rahmenprogramm. Noch beeindruckender ist der Parkplatz vor dem Festivalgelände. Noch nie habe ich so viele Motorräder an einem Ort gesehen. Die Nummernschilder verraten ihre Herkunft: England, Irland, die Niederlande, Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Polen, USA, sogar ein australisches Modell entdecke ich. Der Sport ist international und entfaltet in der Tat eine verbindende Kraft.

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Gucken erlaubt, anfassen nicht: Kleine Motorradausstellung hinter der Haupttribüne mit Motorrädern aus der ganzen Welt.

Und zum Abschluss nochmal ganz nah ran

Für die zwei Renntage des Manx GP wechsele ich den Standort. Zuerst sehe ich mir das Rennen am Creg-ny-Baa (sprich Kreck-na-Bae) aus an. Hier endet der Bergabschnitt des Kurses, die Fahrer kommen mit hoher Geschwindigkeit den Abhang hinunter gesaust, bis sie vor einer Neunzig-Grad-Rechtskurve abbremsen müssen. Direkt am Scheitelpunkt der Kurve steht ein Pub. Ein Gitterkäfig und vorgelagerte Strohballen schützen die Besucher davor, von einem Motorrad getroffen zu werden, dessen Fahrer die Kurve nicht bekommen hat. Das war nicht immer so. Vor einigen Jahren ist ein Fahrer durch die Zuschauermenge in den Pub gerast. Seitdem gibt es den Käfig. Da ich mir die Sicht nicht gern durch Gitterstäbe verstellen lasse, meide ich den Pub und sitze stattdessen auf der Tribüne an der Geraden. Die Sicht ist grandios. Mehr als einmal ziehe ich laut den Atem ein, wenn ein Fahrer die Kontrolle über die Maschine zu verlieren droht, was einigen auch passiert. Einer landet in den Strohballen, einer fährt statt in die Kurve geradeaus in einen Feldweg ein, ein weiterer überschlägt sich und landet im Straßengraben. Die Stürze sehen spektakulär aus, zum Glück sind die Fahrer jedoch nicht verletzt. Am Straßenrand stehend warten sie auf das Ende des Rennens und werden von aufmerksamen Fans mit Tee, Sandwiches und Handys versorgt, um ihr Team anrufen und Entwarnung geben zu können. Das ist der Race-Spirit hier auf der Isle of Man.

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Abheben am Argo‘s Leap. Nur Fliegen ist schöner … Aber die Fahrer müssen ackern, um ihre Maschinen unter Kontrolle zu halten.

Das letzte Rennen verfolge ich dann vom „Argos Leap“ aus. Der Streckenpunkt wird so genannt, weil eine kaum wahrnehmbare Bodendelle die Fahrer hier öfter kurz abheben lässt. Ein freundlicher Marshall erlaubt mir, mich mit ihm zusammen direkt an der Strecke zu postieren. Mehr als einen farbigen Blitz erkenne ich oft nicht, wenn die Maschinen nur knappe zwei Meter entfernt an mir vorbei donnern. Ich glaube, den Luftzug zu spüren, meine Ohren dröhnen vom Brüllen der Motoren. Und doch genieße ich jede Sekunde.

Viel zu schnell ist das letzte Rennen vorbei, und damit auch meine Zeit auf der Isle of Man. Direkt im Anschluss geht es zur Fähre, die mich und meine Freunde zurück nach Liverpool bringt. Von dort aus geht es am nächsten Tag weiter nach Wales.

Hier geht’s zum ersten Teil von Diana’s Motorradtour durch England: Kleine Runde durch das große Britannien

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