Neuseeland 2015: Unterwegs in Gottes eigenem Land

Anderthalb Jahrzehnte dauerte es, bis ich mir einen langersehnten Wunsch erfüllen konnte: noch einmal Neuseeland erleben und diesmal mit dem Motorrad. In einer Gruppe mit 21 anderen Bikern durchquerte ich drei Wochen lang Nord- und Südinsel.

Anhalten und Staunen am Ufer des Lake Pukaki. Auch wenn sich der Gipfel hinter den Wolken versteckt ist der Mount Cook, Neuseelands höchster Berg, ein überwältigender Anblick.

Zum Motorradfahren ans andere Ende der Welt reisen: Muss das sein? Natürlich muss es das nicht; es sei denn, man will es. Und ich will. Und zwar schon seit ich vor 15 Jahren zum ersten Mal Neuseeland bereist habe. Durch die Scheiben eines Mietwagens habe ich die Schönheit der Natur bestaunt, mich von ihr begeistern lassen, und mich dennoch von ihr abgeschnitten gefühlt. Ich war Zuschauerin: nur dabei, statt mittendrin. Schon damals wusste ich, dass ich wiederkommen werde, um das Land intensiv zu erleben. Dass es eineinhalb Jahrzehnte dauern und auf dem Sattel einer Triumph Tiger 800 sein würde, hätte ich damals allerdings ebenso wenig erwartet wie die Tatsache, dass mich 21 andere Motorradfahrer dabei begleiten.

Es ist ein bunt gemischter Haufen aus Engländern, Amerikanern, Kanadiern, Australiern und mir, der einzigen Deutschen, die der Traum vom Motorradfahren am anderen Ende der Welt für drei Wochen zusammen geführt hat. Im wirklichen Leben hätten wir uns wahrscheinlich nie getroffen. Aber das hier ist nicht das wirkliche Leben, sondern das Paradies. Das sagt jedenfalls Mike. Und der muss es wissen, schließlich lebt er hier, seit er seiner Heimat England vor acht Jahren den Rücken gekehrt hat, um „Paradise Motorcycle Tours NZ“ zu gründen. Er hat die Tour organisiert und ist als Guide dabei. In drei Wochen werden wir etwa 4.500 Kilometer zurücklegen, die uns von Auckland aus einmal quer über die Nordinsel und dann in einem großen Bogen über die Südinsel bis nach Christchurch führen.

Der Klang des Dreizylinders ist ungewohnt

Als ich am ersten Tag den Schlüssel zu meiner dunkelblauen Tiger in Empfang nehme, bin ich ziemlich nervös. Langsam, sehr langsam, folge ich den anderen auf der linken Straßenseite mitten hinein in den morgendlichen Berufsverkehr der größten Stadt Neuseelands. Meine Knie wackeln ein bisschen, wenn ich den Fuß an der Ampel absetze. Der rasselnde Klang des Dreizylinders ist ungewohnt. Lange hält meine Angespanntheit jedoch nicht an. Sie verfliegt nach einigen Kilometern, und schon bald sind die Tiger, die ich zwischenzeitlich Lily getauft habe, und ich ein perfektes Team. Ein typischer Tag sieht für uns beide in etwa so aus:
Die Sonne steht noch niedrig, als wir leicht fröstelnd die Motorräder besteigen. In einer ordentlichen Reihe rollen die schweren Maschinen langsam vom Hotelparkplatz in Punakaiki, einer kleinen Gemeinde an der Westküste der Südinsel. Unten am Strand brechen sich die Wellen der Tasman Sea an den Pancake Rocks, einer Felsformation, die wie Hunderte übereinandergestapelter Eierkuchen aussieht. Von den Hängen des Paparoa Gebirgszugs wehen Fetzen von Morgennebel aufs Meer hinaus. Die Luft riecht kühl und frisch, nach Salz, Fisch und Stein.

Nur wenige Autos sind unterwegs, ein paar Pickup-Trucks und Wohnmobile. Wie ein perfekt choreographiertes Ballett scheren zwölf Motorräder beim Überholen hintereinander aus und wieder ein und lassen den morgendlichen Verkehr schnell hinter sich. Eine ganze Weile geht es geradeaus, immer am Wasser entlang, bis das Asphaltband der Küstenstraße schließlich mit sanften Schwüngen an Viehweiden vorbei in den Regenwald eintaucht. Nikau-Palmen stehen dicht gedrängt, dazwischen riesige Farne. Die knorrigen Stämme des Eisenholz-Baumes werden von Lianen umschlungen. So dicht ist der Pflanzenwuchs, dass die Straße zum grünen Tunnel wird. Warm und feucht dringt der Fahrtwind unter den Helm.

Rimu und Totora gibt es nur in Neuseeland

Kaum haben sich die Augen an das schummrige Licht gewöhnt, lichtet sich die Vegetation wieder. Ein breites Tal öffnet sich, ein kleiner Acker, viele Wiesen, verstreute Gehöfte, eine bäuerliche Idylle, fast menschenleer. In der Ferne sind die Ausläufer der Südalpen zu sehen. Die anderen Motorradfahrer scheinen weit weg zu sein, das Feld hat sich auseinandergezogen. Ein ausgetrockneter Bachlauf begleitet die Straße, schwenkt mal hierhin, mal dorthin, führt in einem weiten Bogen Richtung Talausgang und wieder in den Wald. Buchen säumen nun den Straßenrand, gefolgt von Rimu und Totora, Nadelbäume, die es nur in Neuseeland gibt, und die nach Harz und Zitrone duften.

Das Gelände steigt weiter an, die Bäume werden niedriger, der Bergwald lichtet sich, geht in Sträucher über. Mittlerweile ist es Mittag, die Sonne scheint hell, aber mit jedem Kilometer wird es kälter. Im Mund der Geschmack von Eiswürfeln. Den bringt der Wind, der vom nahen Franz-Josef-Gletscher herüberweht. Zu diesem steigt die Straße jetzt steil hin an. Der Rest der Gruppe kommt in Sicht. Wie ein sagenhafter Lindwurm zieht sich die Schlange aus Motorrädern in Serpentinen die letzten bergigen Meter hinauf.

Strand, Meer, Felsküste, Weiden, Regenwald, Ackerland, Bergwald und Gletscher, das alles innerhalb von nur vier Stunden: Das ist nicht nur rekordverdächtigt, das ist wirklich einzigartig. Der Legende nach liegt das daran, dass Gott, nachdem er die Erde erschaffen hatte, von jedem Kontinent die schönsten Teile nahm und daraus ein Land nur für sich alleine formte. „God’s own country“, Gottes eigenes Land, so nennen die Neuseeländer ihre Heimat, und man glaubt es ihnen gerne.

Bleibende Erinnerungen kriegt man vom Unterwegssein

Trotz zahlreicher Fotostopps nehmen wir viele der landschaftlichen Schönheiten, Wasserfälle, Kauri-Bäume, türkis leuchtende Seen, erstaunliche Felsformationen, jedoch nur im Vorbeifahren wahr. „Es gibt in Neuseeland einfach zu viel zu sehen. Wenn wir überall anhalten, kommen wir niemals irgendwo an“, erklärt Mike. Für ihn sind es ohnehin nicht die in den Reiseführern aufgezählten Attraktionen, die den Reiz der Tour ausmachen. Er ist überzeugt: „Erinnerungen, die ein Leben lang bleiben, die kriegt man vom Unterwegssein, und nicht vom Anhalten.“ Und vielleicht hat er damit sogar recht.

Eine Erinnerung, die mir ein Leben lang bleiben wird, ist die Fahrt über die Crown Range Road, Neuseelands höchste Passstraße, die von Wanaka nach Queenstown führt. Der Aussichtspunkt auf 1.100 Höhenmetern gibt den Blick frei über eine breite, mit Büscheln von goldgelbem Tussock Gras bewachsene Hochebene, aus der spitze Felsen ragen. Die Flanken der umliegenden Berge werfen tiefe Schatten. „Seid ihr bereit für die Abfahrt?“, fragt Mike und grinst dabei.

Hinter dem Aussichtspunkt geht es bergab. Zehn Prozent Neigung, am Rand der Straße fällt das Gelände fast senkrecht ab, nur eine niedrige Leitplanke trennt den Asphalt von dem bodenlos scheinenden Abgrund. Die Tiger gleitet durch die Kurven wie auf Schienen. Bremsen, auskuppeln, runter schalten, einkuppeln, Blick auf das Ende der Kurve richten, tief zur Seite legen, Gas geben, aufrichten, Gang wechseln, beschleunigen, anbremsen, Gewicht verlagern, in die nächste Kurve gehen. Eine Folge von Abläufen, die sich in Sekundenschnelle vollzieht, über Jahre eintrainiert, jetzt wie im Rausch ausgeführt. Der Motor brüllt, wenn er die Maschinen bei starker Beschleunigung und niedrigem Gang aus der Kurve heraus in die Gerade ziehen. Vor meinen Augen fliegt der Asphalt körnig vorbei, wenn ich mich mit meinem Bike in die Kurve lege.

Ein letzter Kuss für die Tiger

Das Goldgelb des Steppengrases flirrt am Rande meines Sichtfeldes, ein kurzer Blick auf die Landschaft, dann kommt auch schon die nächste Felswand, vor der die Straße plötzlich abknickt. Das Tachometer zeigt 80, 90, 100 Kilometer pro Stunde: viel zu schnell, nicht schnell genug. Nach einer Weile verengen sich die Kurven zu Spitzkehren. Geschwindigkeit drosseln, Maschine eng in die Kurve führen, nicht die Mittellinie überqueren, denn ab jetzt kommt Gegenverkehr. Adrenalin pumpt durch den Körper. Und dann ist es auf einmal vorbei. Arrow Junction kommt in Sicht, die Crown Range Road trifft auf den vielbefahrenen Highway 6. Ich fädele mich in den Verkehr ein und atme tief durch. Mein Herz schlägt schnell, in meinen Ohren pulsiert das Blut. Ich bin voller Begeisterung über diesen grandiosen Ritt und klettere dennoch etwas steif von der Maschine, als wir in Queenstown ankommen. Wackelige Beine finden den Weg zur Bar, wo ich mir einen großen Gin Tonic bestelle.

Von Queenstown aus sind es nur noch wenige Tage bis nach Christchurch, wo die Reise endet. Als ich die Tiger das letzte Mal auf ihrem Seitenständer abstelle, tätschele ich ihre Sitzbank und drücke ihr einen Kuss auf den dunkelblauen Tank. Ganz wehmütig wird mir bei dem Gedanken, am nächsten Tag wieder den langen Flug nach Hause antreten zu müssen. Aber dann denke ich zurück an alles, was ich erlebt habe. Ich sehe eine Straße vor mir, die sich durch ein goldenes Meer aus Steppengras windet, sehe Nebel, der über das Meer weht. Ich fühle die feuchtwarme Luft des Regenwalds und die Kühle des Berges, schmecke Kräuter, Honig, Blüten, Eiswürfel, all die Aromen, die der Fahrtwind mir in den letzten drei Wochen unter meinen Helm getragen hat. Dieses Mal war ich wirklich mittendrin, war Teil der Landschaft, die ich durchquert habe. Und wieder weiß, dass ich noch einmal herkommen werde. Nicht, weil ich es muss. Sondern, weil ich es will.

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