Judy – Das Motorrad ist überall ein Türöffner

Judit in Bolivien mit der Suzuki
Die große Herausforderung wenn du mit dem Motorrad alleine unterwegs bist: Gute Bilder von dir selbst zu Machen. Das hier mit Judy und Suzuki in Bolivien ist sehr gut gelungen.

Hallo, wie heißt du bitte? Judith, Spitzname “Judy”
Und wie alt bist du? 51
Was ist dein Job? bisher: Hotelier / neuerdings: Tourguide für Frauen als Freelancer bei motorbike-tour.com
Seit wann fährst du Motorrad? Seit 1990 (2 Jahre 125ccm, ab 1992 “offener” Hubraum)

Wie und warum bist du zum Motorradfahren gekommen?

Meine 11 Jahre ältere Schwester hatte wegen ihrem Mann mit dem Motorradfahren angefangen, das fand ich total cool. Aber mein Papa war Polizeiwachtmeister und hat mir aus Angst, dass ich auch so “enden” könnte wie viele Motorradfahrer zu der Zeit damals, das Motorradfahren verboten. So hab ich halt gewartet, bis ich volljährig war und dann sofort den Schein für die 125ccm gemacht (war damals in der Schweiz Pflicht). Ich bin meinem Papa heute noch dankbar, dass er mir das Motorradfahren verbieten wollte. Wer weiss, ob ich sonst damit angefangen hätte?

Judys erstes Motorrad 1990
1990, das Jahr für Judy’s erstes Motorrad.

Welches Motorrad fährst du? Warum hast du diese Maschine gewählt?

Zur Zeit hab ich zwei Suzuki DRZ400. Eine zum Reisen “ausgebaute” und eine “pure” für’s Gelände. Nächsten Monat kommt noch eine Yamaha XSR700 dazu. Diese vor allem für Europa und die tollen Alpenstrassen. Eine BMW F650GS hatte mich lange Jahre begleitet, war mir aber für meine grossen Reisen zu schwer und zu “technisch” im Unterhalt.

Die Suzuki DRZ400 hab ich mir ursprünglich gekauft, als ich 2012 mit Offroaden angefangen habe. Hab sie tiefer legen lassen und mit dem geringen Gewicht war sie perfekt für Gegenden wie die LGKS, das Hinterland der Toscana und Nordspanien.

Als ich entschieden habe, eine 6-monatige Reise mit dem Motorrad zu machen, hab ich mich bewusst für die Suzuki entschieden: geringes Gewicht (vollgepackt mit sämtlichem Reisematerial, Campingzubehör, Reparatur- und Ersatzteilen ist sie grad mal 190kg), gutmütig im Handling, perfekt für schwierige Strassenverhältnisse, keine Software oder übermässige Elektronik, die in 3.Welt-Ländern niemand reparieren könnte.

Und damals dachte ich, mit “nur” 400ccm falle ich nicht auf – das allerdings war ein Trugschluss. Inzwischen ist meine “SuzyBlue” unterwegs mein Ein und Alles. Sie hat schon viel mit mir mitgemacht und ich würde sie um kein Geld der Welt mehr hergeben.

Suzuki Atacama Wüste
Judy mit Suzu Blue in der Atacama

Was bedeutet dir Motorradfahren heute?

Anfänglich bin ich – wie wohl viele – an den Wochenenden oder dann mal für zwei Wochen in die Ferien gefahren. Mit meinem damaligen Freund, mit Kollegen. Das hat einfach Spaß gemacht. Aber seit meiner ersten langen Reise – die Panamericana 2015 – hat Motorradfahren zusätzlich eine ganz neue Bedeutung bekommen.

Das Motorrad ist überall auf der Welt so etwas wie ein Türöffner. Die Menschen freuen sich darüber, sind neugierig; die Kontaktaufnahme viel einfacher – selbst ohne große Sprachkenntnisse. Und das Gefühl, auf dem Motorrad eine total neue, faszinierende Landschaft zu “erfahren”, sich manchmal auch durch Regen, Kälte, Hitze, Matsch zu kämpfen macht unglaublich zufrieden – wenn auch nicht grad in dem Moment. Ich bin dann im “Hier und Jetzt” – ich und meine SuzyBlue. Und das ist ein unglaubliches Gefühl. Nicht einfach zu beschreiben.

Yamaha Portugal 1990 mit Judy
Mit dem Motorrad hast du immer eine Abkürzung zu den Herzen der Menschen, denen du begegnest. Auch in Portugal, 1992

Nebst dem Reisen macht es aber einfach immer noch total Spass, mit einem entsprechenden Motorrad (deswegen kommt jetzt auch die Yamaha XSR700 zu meinem Fuhrpark dazu) durch die herrlichen Kurven unserer Alpenpässe zu düsen.

Und beim Offroaden ist es immer noch die Herausforderung; sich oft auch überwinden zu müssen; oder auch an sich zu glauben, dass man die nächste steile Auffahrt oder Abfahrt meistern kann. Die bisherigen Grenzen auszuloten und bestenfalls zu verschieben. Nie aber bin ich risikofreudig unterwegs, gehe über’s Limit; zu wertvoll ist mir mein Leben und das, was ich alles noch erleben kann.

Was bewunderst du an anderen Motorradfahrern/Fahrerinnen?

Ich bewundere eigentlich alle, die den Mut haben, einfach das zu machen, woran sie glauben. Betreffend Motorradfahren sind das einerseits die Offroad-Spezialisten, einfach weil sie die unglaublichsten, scheinbar unmöglich zu fahrenden Strecken meistern. Und ich bewundere Motorradfahrer*Innen, die bereits in den 70iger, 80iger Jahren die Welt erkundet haben (z.B. Heather Ellis, Anm.d.Red.). Das war noch ein Abenteuer – heute mit all den digitalen Möglichkeiten ist alles nur noch halb so wild.

Monument Valley Suzuki Motorradtour USA
Mit Judy durchs Monument Valley.

Was war deine größte Herausforderung bisher? Wie hast du Sie gemeistert?

Mich 2015 überhaupt auf den Weg zu machen. Für 6 Monate alles hinter mir zu lassen, Familie, Freunde, Job, der normale Alltag. Alleine mit dem Motorrad von Alaska nach Südamerika zu fahren. Ich war zu dem Zeitpunkt noch nie lange alleine unterwegs gewesen; hatte keine Ahnung ob ich das schaffe, ob ich das überhaupt gerne mache. Ob ich mich selbst so lange aushalte…
Nachdem ich mich dazu entschlossen hatte, hab ich das möglichst vielen Leuten erzählt. Und mir so quasi selbst die Möglichkeit genommen, im letzten Moment noch zu kneifen.

Gab es schon Mal eine brenzlige Situation? Was war es und wie hast du reagiert?

In Chile, nach beinahe 6 Monaten meiner Reise bin ich auf “Empfehlung” eines Einheimischen eine Strecke gefahren, die definitiv nicht fahrbar war, da schlussendlich ein tiefes, sandiges ausgetrocknetes Flussbett und steil zum Meer abfallend. Ich war alleine, hatte bei weitem nicht genügend Vorräte dabei. Es war über 35°C heiss und ich war schon mehrmals umgefallen. Schlussendlich lag ich unter dem Motorrad, mein Fuss eingeklemmt. Da ist schon leichte Panik aufgekommen.

Nie zuvor war ich alleine auf einer solchen Strecke unterwegs. Das habe ich während der ganzen Reise bewusst vermieden, um mich nicht unnötig in Gefahr zu bringen. Das Wissen, dass mich hier niemals jemand finden würde und viel Fluchen hat ungeahnte Energien freigesetzt. Ich konnte meinen Fuss aus dem Stiefel ziehen. Mit schwindenden Kräften habe ich es zurück zur “normalen” Schotterstrasse und dann ins noch 70km entfernte nächste Dörfchen geschafft. Wasser hatte ich zu dem Zeitpunkt bereits keins mehr. Ich hatte also unglaubliches Glück – und einen starken Schutzengel.

Motorradfahren in der Schweiz
Auch in der Schweiz gibt es tolle Strecken zum Motorradfahren. Judy kennt Sie bestimmt alle.

Was war dein schönstes Erlebnis?

Grundsätzlich sind es die vielen schönen Begegnungen mit den Menschen in all den Ländern, die ich bisher bereist habe. Die unvoreingenommene Freundlichkeit, Neugier und Offenheit. Die oftmals unglaubliche Gastfreundschaft mir – als ihnen total fremden Menschen – gegenüber.

Wo oder welche Strecke würdest du gern einmal fahren?

Durch meinen kleinen Unfall in Kirgistan diesen Sommer konnte ich schlussendlich nicht nach Pakistan fahren.

Warum reizt dich das?

Grad der Norden Pakistans mit den beeindruckenden Bergen, die hohen Passstrassen, die noch unverfälschte pakistanische Lebensweise, die vielen kleinen, touristisch überhaupt noch nicht erschlossenen Seitentäler…

Über Pakistan wird so viel Negatives geschrieben, dabei habe ich von anderen Reisenden so viel Gutes gehört. Gerne möchte ich das selbst erleben dürfen.

Offroad-Kurse
Offroad-Kurse machen aus dir auf jeden Falll eine bessere Motorradfahrerin. Jetzt kann Judy auch 89° steile Hänge herunterfahren.

Was würdest du dir selbst raten, wenn du jetzt mit dem Motorradfahren beginnen würdest? 3 Tipps aus deiner persönlichen Erfahrung?

  • Möglichst von Anfang an auch mit Offroad-Kursen/Trainings anzufangen. Offroaden bringt so viel Selbstvertrauen, sicheres Bike-Handling und tolle Techniken auch für das Strassen-Fahren. Und “Steinchen schubsen” oder “dräckele” (wie wir Schwiezer sagen) macht Spass!!
  • Niemals ohne richtige Schutzkleidung fahren. Ich hatte das Glück, bisher noch keinen schweren Unfall gehabt zu haben. Aber auch bei kleinen Unfällen/Umfallern hat mich meine Schutzkleidung immer vor Schäden bewahrt. Besonders anhand der Unfallspuren wurde mir bewusst, was mir ohne entsprechende Schutzkleidung passiert wäre.
  • So viel wie möglich fahren; auch immer wieder Fahrtrainings-Kurse besuchen. Erst die Fahr-Routine bringt dir auch Sicherheit. Allerdings finde ich es auch wichtig, trotz Routine, nie den Respekt zu verlieren. Motorradfahren ist und bleibt ein gefährliches Hobby.
Yamaha Motorrad Albanien 2018
Mit dem Motorrad durch Albanien. Das hat Judy 2018 einfach gemacht.

Warum sollte Frau Motorradfahren?

Es war/ist eine der meist gestellten Fragen auf meinen Reisen: Du reist mit dem Motorrad? Allein? Als Frau?

Als mir diese Frage das erste Mal gestellt wurde, wusste ich keine Antwort. Aber plötzlich ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen: warum nicht? por qué no? also warum?
Darum – warum auch immer Frau gerne Motorrad fährt! Und es ist nicht gefährlicher, nur weil ich eine Frau bin. Weder vom fahrerischen her noch in fremden Ländern – oftmals ist da sogar das Gegenteil der Fall.

Ist da noch etwas, was du unseren Leserinnen gern mitteilen möchtest?

Trau dich; sei frech, mutig, selbstbewusst. Egal wie groß, wie klein, wie alt oder wie jung. Egal ob mit dem Motorrad zu reisen, eine Abendausfahrt zu machen, mal kurz auf ein Käffchen ins nächste Dorf. Egal, mit welchem Motorrad, egal mit wieviel Motorrad-Erfahrung. Egal, was die Jungs (vielleicht) besser machen. Du machst es für dich, weil es dir Spass macht. Und das alleine zählt.

Wenn ihr auch mal mit Judy auf Tour möchtet, schaut doch mal hier.

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